März 2017 - Rezension des 4-seitigen Werbetextes pro Projekt Johanniswacht in MTB 1/2017

Im letzten Mitteilungsblatt des SBB vor der Online-Abstimmung ergreifen Befürworter des Projekts die Chance, sämtliche Vereinsmitglieder in ihrem Sinne einseitig, unzureichend und teils falsch zu informieren. Der Text strotzt vor Weglassungen und Fehlern, sodass eine kritische Rezension dringend geboten scheint. Dies soll folgend geschehen.
In Absprache zwischen Vereinsvorsitzenden Alexander Nareike und KER-Leiter Uwe Fretter war abgemacht, eine Gegenüberstellung der verschiedenen Positionen zum Projekt auf der Vereins-Website an der Stelle zu platzieren, an der auch die Abstimmung stattfinden wird. Diese Absprache wurde vonseiten der Befürworter des PP-JW hintergangen, indem das MTB, welches jedes Vereinsmitglied in den Briefkasten gesendet bekommt, unabgesprochen als Quelle gezielter einseitiger (Des-)Information genutzt wurde.

- "Wenn ihr euch tiefer mit der Thematik beschäftigen wollt, schaut bitte auf unsere Homepage. Dort haben wir weitere Dokumente zum Thema zusammengestellt."
Auf der Homepage des SBB sind (Stand 11. April 2017) unter anderem nicht zu finden:
- der Projektentwurf im überarbeiteten Zwischenstand (PP-JW 1.1; Pdf),
- die "Stellungnahme der AG-Leiter" vom Februar 2017 (Pdf),
- die Auswertung der Feedbackrunde im Herbst 2016,
- die Anträge zur letzten Mitgliederversammlung von Daniel Flügge (Pdf), Ludwig Trojok (Pdf) und Christoph Lehmann (Pdf),
- die Stellungnahme der KTA vom 29.10.2016 (Pdf),
- der Antrag an den Vorstand von Ludwig Trojok, Helge Rosner und Daniel Flügge (Pdf)
- die eingegangenen Feedbacks
...

- "Eine hohe Beteiligung bei der Abstimmung ist wichtig, damit das Ergebnis eine große Akzeptanz im SBB und darüber hinaus erhält."
Eine hohe Akzeptanz lässt sich nicht erreichen, wenn bereits eine einfache Mehrheit (eine Stimme mehr dafür als dagegen) zur Umsetzung des Projekts genügt. Genau das ist aber vorgesehen. Der Vorschlag, eine qualifiziertere Mehrheit zu erfordern, wurde abgelehnt.
Nebenbei bemerkt würde eine niedrige Beteiligung das Argument, dass eine Mitgliederversammlung zu wenig Platz für alle Abstimmungswilligen böte, sehr schlecht aussehen lassen. Genau dieses Argument ist aber eines der Hauptargumente gegen eine Entscheidung mittels MV.
Eine große Akzeptanz über den SBB hinaus zu erreichen, ist schwierig, wenn alle Nicht-SBB-Mitglieder (und selbst C-Mitglieder des SBB) von der Entscheidung per se ausgeschlossen werden.

- "Wir als Vorstand sehen unsere Aufgabe unter anderem darin, die Stimmungen und Meinungen im Verein aufzunehmen und die Wünsche der Mehrheit der Mitglieder im Rahmen unserer Möglichkeiten zu erfüllen. ..."
Als Stimmungen und Meinungen im Verein sind seit spätestens Herbst 2016 auch deutlich Skepsis und Ablehnung wahrzunehmen. Diese Meinungen wurden stets ignoriert oder ausgesessen, was nicht zuletzt im jetzt hier kommentierten Artikel im MTB gipfelt, in welchem kritische Aspekte so gut wie keine Rolle spielen und die Auffassungen wesentlicher Vereinsmitglieder erneut nicht berücksichtigt werden (z. B. 'Stellungnahme der AG-Leiter' (Pdf)).
Weder die Umfrage 2013 noch der Zukunftskongress 2014 sagen im Ergebnis eindeutig aus, dass sich eine Mehrheit der Vereinsmitglieder für den in der Projektgruppe eingeschlagenen Weg einsetzt. Vielmehr wird durch wiederholtes Äußern dieser Behauptung versucht, den Eindruck zu erwecken, dass es tatsächlich so sei.

- "Dazu haben wir das Kursangebot des SBB ausgebaut, weil wir der Meinung sind, dass eine gute Ausbildung ein wichtiger Eckpfeiler für sicheres Klettern in der Sächsischen Schweiz ist."
Die Ausbildungsreferentinnen Karola Hartmann und Janet Löffler sowie eine Vielzahl der Fachübungsleiter des SBB lehnen das Projekt Johanniswacht in der vorliegenden Form ab. Dies liegt vor allem darin begründet, dass das Projekt - obwohl es sich im Kernbereich der "Ausbildung" bewegen will - keinen noch so kleinen Schritt auf die Fachübungsleiter des Vereins zuging (so, wie in allen Bereichen eine Diskussion vermieden wurde).

- "Da wir uns aber gleichzeitig klar gegen Massivkletterei ausgesprochen haben und wir somit keine neue Felsfläche zur Verfügung haben, ..."
Im Verlauf des Jahres 2016 wurde bei Rochlitz ein alter Steinbruch mit großen Aufwand saniert, eine weitere Felswand mit vielen Klettereien in gemäßigten Schwierigkeiten soll in naher Zukunft erschlossen werden. Der Vorstand für Bergsteigen, Tom Ehrig, engagiert sich persönlich (MTB 4/2016; S. 14 ff (Pdf)) vor Ort für diese Vorhaben.
In den vergangenen Jahren hat die KTA des SBB mit erheblichem finanziellen Aufwand die Sanierung von Kletterwegen im Müglitztal unterstützt. Dabei wurden nicht nur Haken saniert, sondern auch zusätzlich neue installiert.
2015 wurden im Gebiet der Steine und im Bielatal diverse "neue" Klettergipfel anerkannt. Daraufhin wurden diese Gipfel innerhalb von Wochen nach zumeist sehr modernen Maßstäben ("viele" Ringe) erschlossen, auch in mittleren Schwierigkeitsgraden.
Genau derartige Aspekte wurden und werden stets als mögliche Alternativen zum Projekt Johanniswacht genannt, zum Beispiel hier (Stellungnahme AG-Leiter; Pdf) und hier (Kontra-Positionen; Pdf).

- "Und zwar nicht Wege, die bereits heute geklettert werden, sondern Wege, die bisher sehr selten geklettert werden."
Im Projekt befinden sich noch immer elf Kletterwege mit fünf bis fünfzig(!) Begehungen pro Jahr.

- "... und wir hätten das Angebot an besser gesicherten Routen erhöht ..."
Die Klettermöglichkeiten der Sächsischen Schweiz stellen kein bewirtschaftetes "Angebot" dar. Der SBB verwaltet kein "Angebot", sondern ist mit der Pflege eines Erbes betraut.

- "... ohne in den Bestand der viel bekletterten Wege einzugreifen."
In Teilen des SBB hat sich im Verlauf des hier beschriebenen Prozesses die Meinung verfestigt, dass "selten" gekletterte Kletterwege per se dafür geeignet erscheinen, sie mittels nachträglich zu schlagender Ringe "wieder massentauglich" machen zu können oder gar zu müssen. Dass diese Einstellung im SBB salonfähig geworden ist, ist aus klettersächsischer Sicht beschämend.

- "Wir könnten somit den Wunsch vieler Mitglieder erfüllen."
... oder die Wünsche vieler Mitglieder ignorieren.

- "Ein Sportklettergebiet wird die Johanniswacht damit keineswegs."
Es geht darum, dass der Status Quo des Sächsischen Kletterns (v. a.: Wer entscheidet unter welchen Umständen über nR?) angegriffen wird. Und das geschieht schon allein dadurch, dass der Vereinsvorstand das Projekt scheinbar ungerührt jeglicher Einwände forciert.

- "Die Entscheidung über ein derartiges Projekt wird immer eine Einzelfallentscheidung bleiben ..."
Diese Formulierung ist das ganze Gegenteil von einem klaren Nein zu möglichen Folgeprojekten.
Auch wäre eine jede folgende "Einzelfallentscheidung" unausweichlich durch den Präzedenzfall 'PP-JW' gefärbt ("Dort ging es doch auch!"). Das ist offenbar bewusst gewollt.

- "Weiterhin empfehlen wir als Vorstand, im Falle einer Umsetzung des Projekts, dieses in 3 bis 5 Jahren zu evaluieren und genau zu prüfen, (...) welche Schlussfolgerungen daraus zu ziehen sind."
Eine Hauptkritik am Projekt war seit spätestens Februar 2016 (Info-Veranstaltung), dass dem Projekt Aussagen zur Auswertung und zu möglichen Konsequenzen fehlen. Diese Kritik wurde stets übergangen. Bis jetzt gibt es keine Aussagen, im vorliegenden Text als erstmalige Äußerung zum Thema immerhin Fragen. Dass der Vorstand das Projekt trotzdem vorbehaltlos unterstützt und lediglich eine Empfehlung ausspricht (Empfehlungen sind nicht bindend), zeigt, dass einer Auswertung des Projekts nach wie vor keine Priorität eingeräumt wird.

- "Die Möglichkeit der Rückmeldung auf diesen ersten Entwurf haben (... viele) genutzt. Noch einmal Dank an alle, die die Diskussion durch ihre Beiträge bereichert haben."
Es wird nicht an Versuchen gespart, den Umgang mit Kritik als die versprochene "Diskussion" zu vermarkten. ES GAB KEINE DISKUSSION! Auch wiederholte gegenteilige Lügen können diese grundlegende Schwäche des Pilotprojekts nicht ausmerzen.

- "Maßgeblich für die Überarbeitung des Projekts waren die (KER-Kriterien) ..."
Die KER-Kriterien wurden bei ca. der Hälfte der im Projekt verbliebenen Kletterwege nicht oder nur zweifelhaft berücksichtigt. Bei 19 der Wege sind zwar die Felder in der Spalte 'KER-Kriterien erfüllt' rot markiert ("nein"), jedoch sind die Felder der benachbarten Spalte 'Vorschlag Umsetzung (Vorstandsempfehlung)' grün ("KER-Kriterien ausreichend erfüllt, Nachrüstung empfohlen"). Dies ist ein Widerspruch in sich, die KER-Kriterien waren offenbar doch nicht "maßgeblich". (siehe PP-JW 1.1 (Pdf) und 1.2 (Pdf))

- "Anhand dieser Kriterien haben wir für jeden Weg noch einmal einzeln abgewogen, ob dieser weiterhin Bestandteil des Projekts bleibt ..."
Die "Abwägung" der Kriterien erfolgte weitgehend im Winter am Schreibtisch.

- "Aufwand des Schlingenlegens und die Qualität der Schlingen sollen im Verhältnis zum Schwierigkeitsgrad stehen."
Soll das heißen, dass in schwierigen Kletterwegen auch schwierig zu legende Schlingen akzeptiert werden? Oder nur in leichten Wegen, weil man dort mehr Ruhe zum Schlingenlegen hat? Haben schwerere Kletterwege Schlingen höherer Qualität verdient, weil man wahrscheinlicher hineinstürzen würde? Oder bedürfen leichtere Kletterwege wertigerer Schlingenstellen, weil sie so schon kaum Ringe aufweisen? Insbesondere die "Qualität der Schlingen" ins "Verhältnis zum Schwierigkeitsgrad" stellen zu wollen, zeugt von mangelnder Kenntnis wesentlicher Grundzüge Sächsischen Kletterns.

- "Weiterhin haben wir (...) eure persönlichen Meinungen zu Schlingenstandorten in die Überarbeitung des Konzepts mit einbezogen."
Entgegen der stets geäußerten Behauptungen, die Projektgruppe sei fachlich integer und das Projekt sorgfältig ausgearbeitet, konnten Außenstehende der Projektgruppe entscheidende Hinweise zu Schlingenstellen geben? Warum wurde der Rahmen zur Mitwirkungsmöglichkeit nicht deutlich erweitert (z. B. Feedbackfrist verlängern und in die Klettersaison verlagern), wenn man sich über wertvolle externe Hinweise zu freuen scheint? Oder ist diese Freude nur vorgeblich?

- "Auf mehrfachen Wunsch haben wir (...) einige trotz schlechter Absicherung viel begangene Wege (z.B. Bielawächter - Südkante) gestrichen."
Die "schlechte Absicherung" der Bielawächter-Südkante wurde von André Zimmermann erörtert (hier auch als Pdf in höherer Auflösung):
Bild "PGP:Bielawaechter-Suedkante_800.jpg"
In loser Aufzählung können hier auch weitere Kletterwege gezeigt werden, welche "trotz schlechter Absicherung viel begangen" sind, aber "auf mehrfachen Wunsch (...) gestrichen" wurden. Vielen Dank für die Zuarbeit!
Bielawächter-Bielakante am ursprünglich vorgesehenen nR:
Bild "PGP:Bielawaechter-Bielakante.jpg"

- "... und sehr schwere Wege (> VIIIa) nicht mehr Bestandteil des Projekts."
Ursprünglich befanden sich lediglich drei Kletterwege schwerer VIIIa im Projket. Das selbst auferlegte Kriterium zur Auswahl der Kletterwege (von der KER in den KER-Kriterien bestätigt) lautet übrigens: nur Wege bis VIIc.

- "Ein überarbeiteter 2. Entwurf (...) wurde den Leitern der Bergsport-AGs und der AG Natur- und Umweltschutz vorgestellt. Daraufhin wurden einige Kletterwege noch einmal kritisch überprüft und Zweifelsfälle aus dem Projekt gestrichen."
Die Bergsport-AG-Leiter verweigerten die kritische Überprüfung am grünen Tisch. Sie lehnen das Projekt im vorgestellten Zustand ab (Pdf). Dieser Eklat ist eine wesentliche Facette im Prozess des Projekts, wird aber vom Vereinsvorstand vollständig verschwiegen.
Die erwähnte "kritische Überprüfung" fand im Anschluss an die Vorstandssitzung im kleinen Kreis mit Teilen des Vorstands, dem Geschäftsführer Christian Walter und dem Projektgruppenleiter Matthias Werner statt. Dieser Personenkreis hatte bereits mehrere Wochen Zeit, die fraglichen Kletterwege "kritisch zu überprüfen", weshalb an diesem Abend keine neuen Erkenntnisse zu erwarten waren.
Alle sieben zur Diskussion gestellten Kletterwege (siehe PP-JW 1.1 (Pdf)) waren bereits vor ihrer "kritischen Überprüfung" Zweifelsfälle, sonst wären sie nicht zur Diskussion gestellt worden.

- Damit liegt nun ein ausgewogener Plan vor, für den der Vorstand euch um eure Zustimmung bittet.
Trotz aller weiterhin bestehenden Mängel (welche auf dieser Website beschrieben sind) befürwortet der Vorstand das Projekt. Er unterstützt damit ein fachlich höchst fragliches Projekt und trägt durch die hier beleuchteten Verschleierungen und Falschaussagen auch weiterhin nicht dazu bei, das Thema offen und sachlich zu diskutieren.

- "Erwähnen möchten wir noch, dass sich der Ältestenrat des SBB, deren Mitglieder sich durch ein hohes Maß an bergsportlicher Erfahrung auszeichnen, für die Umsetzung des Projekts ausgesprochen hat."
Der Ältestenrat hat sich zum Thema 'Absicherung und nR' im MTB 2/2016 auf Seite 21 (Pdf) ein Denkmal gesetzt. In diesem Zusammenhang erscheint es geboten, die Integrität des Ältestenrates genau zu hinterfragen.
Während die Meinung des Ältestenrats als bergsportlich wertvoll gesehen wird, wird die Meinung anderer erfahrener Bergfreunde (z. B. Ludwig Trojok, Hans Joachim Scholz, André Zimmermann, Manfred Vogel, Daniel Flügge, Christian Glaser, Uwe Fretter, Helge Rosner usw.) verschwiegen.

- "Aus naturschutzfachlicher Sicht spricht nichts gegen das Projekt."
Das mag als Konsens stimmen. Das Projektgebiet betrifft aber unter anderem das "LSG Sächsische Schweiz" sowie das Vogelschutzgebiet "Linkselbische Fels- und Waldgebiete" und das FFH-Gebiet "Bielatal". Speziell die beiden letztgenannten obliegen strengen und sensiblen Managementplänen.
Auch wird verschwiegen, dass die Nationalpark-Verwaltung (NLPV) als Verwalter des LSG ein logisches Interesse daran hat, Besucher ins linkselbische Gebiet (zum Beispiel Bielatal) zu lenken. Als Ausgleich dazu dürfte es im Interesse der NLPV liegen, dass Besucherströme in sensiblen rechtselbischen Gebieten des Nationalparks (zum Beispiel Großer Zschand) weiterhin "reguliert" werden. Für jedes Zugeständnis der NLPV wird es verständlicherweise auch Forderungen geben, wenn auch nicht zwingend in unmittelbarem räumlichen und zeitlichen Zusammenhang.


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