Stellungnahme Ulf Koritz (Moritz vom KV Bergbabys)

Hallo Bergfreunde.
Zu Eurem Projekt Johanniswacht will, nein muss ich mich äußern. Meiner Meinung nach passt es nicht. Nicht das spezielle Gebiet, aber schon gar nicht die dahinterliegende vermeintlich große Strategie.
Was mich an Eurem Projekt am meisten stört, ist der Fakt, dass ihr mit der Abkehr von Sächsischen Kletterregeln einen Dammbruch begeht, ohne über die weitreichenden Folgen ausreichend zu diskutieren oder zu informieren. Ihr verhakt Euch im Klein-Klein der nun wirklich nicht bedeutsamen Johanniswachtgipfel und könnt jetzt bestimmt nicht verstehen, dass es einige gibt, die einfach Bedenken haben, weil sie nicht wissen, wo die Reise hingeht.
Vielleicht hättet ihr vorher festlegen sollen, was definitiv in Zukunft Bestand haben wird. Also unverändert bleibt.
Unser Gebirge und auch Euer Projektgebiet werden seit weit über einhundert Jahren beklettert. Es fanden sich in jeder Zeit Erschließer, die mit ihren jeweiligen Mitteln, Vorstellungen und ihrem Können, aber auch ihrem Unvermögen Wege erschlossen haben. So ist eine Vielfalt entstanden, die es in neuzeitlichen Sportklettergebieten nicht gibt. Bei uns sind die Wege wirkliche Unikate. Das als solches ist meiner Meinung nach schon schützenswert.
Und wer in dieser unserer sächsischen Felsenwelt im Vorstieg aktiv werden will, ist gut beraten, die Zeit am Felsen auch zum Kennenlernen der einzelnen Erstbegeher bzw. deren jeweiligen Epochen zu nutzen. Eine „Vermainstreamung“ der Wege birgt meiner Ansicht nach dauerhaft Gefahren, aber auch eine Abkehr von traditionellen Werten. Das bisher praktizierte Klettern im Sinne der Erstbegeher würde verlorengehen. Vergleiche würden entfallen. Kantige Wege mit „Problemzonen“ werden aalglatt gestylt. Ein Knox-Weg aus den Siebzigern ist eben nicht dasselbe wie einer aus dem Jahr 2008. Der Sowieso schlägt die Ringe zu hoch. Der List hat viele gut gesicherte Wege erstbegangen. Rossiwege überlege Dir lieber dreimal. Usw.
Ein Stück Vorbereitung auf die Durchführung einer Begehung wird entfallen. Es werden Kletterer an Wege gehen, die sie locker klettern werden und denen sie trotzdem nicht gewachsen sind. Ja, diesen Widerspruch entdecke ich immer wieder. Die Existenz von Kletterhallen und Sportklettergebieten ist genau das, was den Druck auf die zeitlich vorher entstandenen Wege im Elbsandstein und damit auch auf den SBB ausübt. Die Leute wollen ihr vermeintlich gutes Kletterniveau aus der Halle am Fels zeigen und merken nicht, dass sie basics nicht beherrschen. (sich selbst einschätzen, andere Klettertechniken, mobile Sicherungen, Taktik in einer Wand, Exit-Strategie, manchmal auch Verzicht, …) Da kommt der Ruf nach gut gesicherten Wegen gerade recht. Wobei es doch gerade im Bielatal viele herkömmlich vorhandene gut gesicherte Wege gibt.
Bloß irgendwann wollen Eure Jünger aus dem Bielatal den Schritt in die Erwachsenengebiete machen. Was wollt ihr in den Schrammis oder den Affensteinen zurechtbiegen? Von unserem gesetzlich verbrieften Recht auf das TRADITIONELLE Klettern an den ausgewiesenen Gipfeln muss ich Euch nichts sagen. Der Nationalpark wartet nur, bis er uns mit solcherart Vorgehen aus Teilen der Hinteren Schweiz heraushalten wird. Und was sagen eigentlich die noch lebenden Erstbegeher der betroffenen Wege zu Eurem Vorgehen. Fragt ihr sie?
Genaugenommen war die frühere Diskussion über das Toprope von den damaligen Protagonisten ehrlicher. Die wollten Nachsteigen und haben das auch kommuniziert. Die jetzt nach besser gesicherten Wegen rufen, wollen im Vorstieg dabei sein ohne es ausreichend zu können.
Auch die Diskussion um die Ufos war von nachgelagerter Bedeutung, da es damals nur um das kosmetische Erscheinungsbild eines Sicherungsgerätes ging. Der Gedanke des Sächsischen Kletterns war noch geblieben.
Eure AG beruft sich in ihrer Präambel darauf, dass es nicht genügend gesicherte Wege im Bereich V bis VII gibt. Mit der Neueröffnung der 29 neuen Gipfel im letzten Jahr sind richtig viele gut gesicherte Wege entstanden und ihr hättet mit dem Verweis Euer Projekt für zehn Jahre auf Eis legen können. Dann hätte man weitersehen können.
Die niedrigen Begehungszahlen, die ihr anführt, sind beim zweiten Betrachten erklärbar. Das Gebiet ist landschaftlich in Sicht- und Hörweite der Straße nicht wirklich reizvoll. Ich selbst gehe dort ausschließlich nach der Arbeit –wenn es schnellgehen muss- klettern. An einem Wochenendtag war ich dort noch nie. Es existieren (derzeit) keine ordentlichen Lagerplätze. Und vor allem führt die schattige Ausrichtung bis auf wenige Wochen im Jahr dazu, dass die Wege bis auf Artariastein-Südseite schlicht feucht und damit nicht bekletterbar sind. Beim „Terra incognita“ musste ich zwei Jahre warten, ehe es wirklich trocken war.
Zur „Bielakante“: Dort schreibt ihr nicht die Wahrheit. Der Weg wird eben doch deutlich häufiger geklettert, als ihr angebt. 1969 wurde er erstbegangen. Ich selbst hatte 2012 die 100.Begehung. Das macht 2,3 Begehungen pro Jahr. Und das ist ein wunderschöner Weg, der es in sich hat. Das ist genau sein Charakter. Sollte meiner Meinung nach auch so bleiben. Die Schwierigkeit und damit das Gefährliche ist im unteren Bereich die kleingriffige Einstiegswand. Deutlich einsehbar. An der Rippe liegen dann Schlingen. Also beantrage ich hiermit die Streichung dieses Weges aus Eurer Liste, da die Fakten für die Aufnahme sich nicht erhärten.
Den Hinweis mit dem ÖPNV habt ihr hoffentlich bloß reingenommen, weil ihr Fördergelder bekommt oder etwas für Euer Gewissen tun wollt. Das Bielatal ist so ziemlich das Klettergebiet, was relativ, vielleicht sogar absolut am Häufigsten mit dem Auto angefahren wird.
Fazit: Mir ist klar, dass die Entwicklung, so schlecht ich sie finde, nicht aufzuhalten ist. Die Zeilen sollen zum Nachdenken anregen keine überschnellen Dinge zu beschließen. Die Jugend hat normalerweise genügend gut gesicherte Wege, um eines Tages die wirklich anspruchsvollen Wege, die die ein Leben lang im Gedächtnis bleiben, zu klettern. Genaugenommen ist es mein Ziel, jedem die intensiven Erlebnisse, die ich auch hatte, zu ermöglichen. Den der ausschließlich konsumieren will, kann ich nicht erreichen.
Ich selbst werde auch nach Eurem Tuning in der Ecke klettern gehen und freue mich schon auf den neu eingerichteten Weg „Direkte Südkante“ am Johanniskegel. Da hängt noch ein Sack am jetzigen 1.Ring, den ich mir dann traue abzunehmen. Aber werde ich mich danach besser fühlen?


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