Stellungnahme Raimund Schuh

Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit möchte ich meine Meinung zum „Pilotprojekt Johanniswacht“ darlegen.
Zunächst einmal ziehe ich den Hut vor allen Engagierten im SBB, die sehr viel Energie in dieses Ehrenamt stecken! In vielen Bereichen bin ich auch sehr dankbar für dieses Engagement. Alleine die Pflege des Gipfelbucharchivs sowie die Ausstattung und Nachrüstung der Gipfel mit Büchern ist wohl einzigartig auf der ganzen Welt. Vielen herzlichen Dank dafür!!!
Die immense Arbeit, die bisher in das „Pilotprojekt Johanniswacht“ gesteckt wurde, das Erkunden von 182 Wegen, Abwägen, Diskussion, Suchen möglicher sinnvoller Platzierungen von Ringen und letztlich das Verfassen eines 56-seitigen Skriptes, erzeugt bei mir allerdings nur Kopfschütteln.
Obwohl ich viele Wege an der Johanniswacht schon geklettert habe, möchte ich mir nicht die Situation jedes einzelnen Ringes vor Ort anschauen, sondern lediglich grundlegende Gedanken zur sächsischen Absicherung darlegen:
Zu meiner Person:
Ich wohne in Franken, habe dort das Klettern gelernt, gehe aber mittlerweile lieber nach Sachsen zum Klettern, weil das Elbsandsteingebirge mit seinen bizarren Felsformationen, seiner Natur, seinem Abenteuerwert, seiner Geschichte ebenfalls einzigartig ist. Ein Wochenende in der sächsischen Schweiz erzeugt in mir Ruhe, Gelassenheit, Abschalten vom stressigen Alltag und Kraftschöpfen für eine neue Woche.
Diese Ruhe, z.b. in den Tiefen des Großen Zschands, ist nicht vergleichbar mit dem Lärmpegel leistungsorientierter Sportkletterer, am Haken hängend, den Fels wie ein Sportgerät benutzend, im Hintergrund ständig die Kulisse vorbeirauschender Motorradfahrer.
Ich bin sehr oft im Elbsandstein und habe dort einen Großteil aller Gipfel bestiegen.
Jemand, der Klettern als Sport betreibt, sollte sich fragen, wie er ihn betreiben möchte und danach das örtliche Ziel aussuchen. Es ist falsch, zu denken, dass man sich sein Heimatklettergebiet so einrichten sollte, wie es einem gerade passt.
Wenn ich Lust auf Speckknödelsuppe, alpine Mehrseillängen, hohe Wände, Panorama und überfüllte Alpenvereinshütten habe, fahre ich nach Österreich.
Wenn ich cleane Risse klettern möchte, fahre ich nach Heubach oder nach Ettringen.
Wenn ich sportklettern möchte, gehe ich in die Fränkische oder nach Kochel oder sonst wohin.
Wenn ich noch bessere Absicherung beim Sportklettern brauche, fahre ich nach Arco.
Wenn ich im Sandstein bouldern möchte, mache ich Urlaub in Fontainebleau.
Wenn ich die Einzigartigkeit und Ruhe des meiner Meinung nach schönsten Klettergebietes der Welt spüren und erleben möchte, fahre ich ins Elbsandstein.
Es geht bei der Diskussion sicherlich nicht darum, wie man Anfängern bzw. Leuten aus der Halle den Zugang zum sächsischen Sandstein erleichtern könnte. Die Wege an der Johanniswacht sollen nur „vorsichtig“ nachsaniert werden, ein (blutiger) Anfänger wird dort also trotzdem nichts vorsteigen können.
Wem bringt also das Pilotprojekt was? Unserem eigenen Ego, dem Ego von uns fortgeschrittenen Elbsandsteinkletterer, da wir uns endlich mal wieder einen schweren Weg trauen, den wir uns bisher nicht getraut haben. Mit dieser Einstellung betrügen wir uns selbst.
Wenn wir alle Klettergebiete so belassen würden, wie sie sind, käme jeder auf seine Kosten! Das hätte auch den Vorteil, dass die junge Generation, unsere Kinder und Enkel, die Geschichte dieser Klettergebiete, zumindest ansatzweise, mitbekämen.
In unserer leistungsorientierten modernen Welt sollte der Mensch wieder das Verzichten und Genießen lernen. Gelegenheit dazu hätte er z.b. beim Klettern im Elbsandstein, indem er auf Magnesia und Klettern an seiner absoluten Leistungsgrenze verzichtet und stattdessen die Aussicht vom Gipfel, die wunderschöne Natur und das Abenteuer genießt.

Raimund Schuh, 33 Jahre


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